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V.O. (R: William E. Jones)

Das Kino und seine vergessenen Bilder

William E. Jones, ein Medienkünstler aus L.A. und Archivar schwuler Videofilme, hat mit V.O. ein sehr eigenwilliges und spannendes Montagewerk konstruiert. Der Titel V.O. verweist auf das französische Filmetikett ´version originale´ und auf den englischen Begriff des ´voice-overs´. Beides erklärt die zentrale Idee. Jones kettet ausgewählte Filmsequenzen schwuler 70er und früher 80er Pornofilme aneinander und verändert die Tonspur. Anstelle des englischsprachigen Tons setzt er Tonteile nicht englischsprachiger Spielfilme, Experimentalfilme oder Interviews. Die Laufbilder werden durch diese kontrastierenden wie begleitenden Kommentare in einen fremden Kontext gestellt und so einer Neubetrachtung unterzogen. Auswahl und Betonung machen dabei vertraut mit jenen Marginalitäten, die von der Eroberung und dem Verlust urbaner Landschafts-, Raum- und Körperbilder eines Nischenkinos berichten. Großaufnahmen lustvoll blickender Männer, Schnitte auf arrangierte Körpermitten, enge Jeanshosen, Cowboystiefeln, Lederjacken, bebende Münder und Oberlippenbärte zelebrieren den Mann als Sexobjekt. Vorbeiziehende Aufnahmen vergangener städtischer Wildnis, die - unterirdisch wie oberirdisch Ð durch die Kraft der selbstbewußten Pose ihrer Bedrohlichkeit beraubt wird, erzählen von der Utopie eines gewonnen Befreiungskampfes.

Es war der Schriftsteller Jean Genet der mit UN CHANT D´AMOUR im Jahre 1950 dem homosexuellen Avantgardefilm den Weg wies. Jones verteilt in der Tonspur Auszüge aus Genets BBC Interview aus dem Jahr 1985, das kurz vor seinem Tod aufgenommen wurde, und setzt seinen Namen somit an den Anfang und das Ende einer Geschichte die V.O. erzählt. An einer Stelle spricht der Interviewer von ´Liebe´. Der todkranke Genet versteht ´Tod´. V.O. meint das Ende einer Bewegung. 1985 hatte Aids den paar Filmaufnahmen aus L.A., in der die Welt des schwulen Mannes kurz davor zu sein schien als hell erleuchteter Darkroom zu erstrahlen, schon längst ein Ende bereitet. Der Raum wurde wieder finster und eng.

William E. Jones läßt daher bezeichnenderweise alle Sexszenen weg, alle benutzten Ausschnitte bleiben ausnahmslos vor oder nach dem Sex angesiedelt und werden damit ihrer grundsätzlichen Sensation beraubt. Dieser Mangel ist Teil einer Todes- oder Untergangssymbolik wie sie dem schwulen Avantgarde Film so oft eigen ist. Aids setzt für Jones den Schlußstrich unter einen Bilderkampf den Genet begonnen hatte und der im Pornofilm der 70er Jahre seine letzte bemerkenswerte Entwicklung genommen hatte.




V.O. berichtet von einem Zeitpunkt in der Filmgeschichte als Porno und auch Horror Teil eines visionären, experimentierfreudigen und selbstreflexiven U.S. Underground Kinos werden hätte können und vielleicht auch für kurze Zeit war. Auch der Filmwissenschaftler Richard Dyer vergleicht Fred Halsteds L.A. PLAYS ITSELF, von dem in V.O. einiges zu sehen ist, mit den Avantgardefilmen von Kenneth Anger.

Dieser Ansatz wird von V.O. gestützt und abgeschwächt zugleich. Neben nach wie vor irritierenden Texten wie jenem von Rosa von Praunheim dringt immer wieder kurz der englische original Dialog zum gezeigten Bild an die Oberfläche. Das Erinnern an seine effiziente Plumpheit ist Jones unangestrengter Trick um den eigentlichen Zweck des 70er Jahre Pornos nicht völlig zu verklären. Denn letztendlich ging es auch und gerade hier darum das Publikum im Sexkino ganz einfach spitz zu machen.

William E. Jones hat im Zuge seiner Arbeit angeblich mehrere hundert Stunden Material gesichtet und dabei eine respektvollen aber auch verliebt-verspielten Umgang mit den gefundenen Bildern entwickelt. Zu einem endgültigen Resumee, das den Gegenstand seiner Untersuchung distanziert bewertet, will und kann er sich nicht durchringen. Der Einsatz der Tonspur trägt einen großen Teil dazu bei. Mit ihren vielen Sprachen und Rhythmen ist sie oft mehr Klang als Wort, mehr Score als Rede, mehr Emotion als Gedanke.

´The Love of a Boy can change a girl into a woman´ hört man in einer exzessiv orchestrierten Ballade. Dazu sieht man eine der Straßenszenen in L.A. in der sich 2 langhaarige Männer in engen Jeans und Cowboystiefeln durch gegenseitiges anposieren heiß machen. Das Klischee der Schwulenszene mit ihrem rollenspielenden Selbstverständnis stilisiert Jones zum hysterischen Melodrama. Das ist berührend und komisch zugleich.

Vorwerfen sollte man V.O. seine Unentschlossenheit, die im Grunde gar keine ist, nicht. Der Film wirkt befreit und nicht gefangen. Die Entscheidung das Spannungsverhältnis von Kunst und Camp nicht mutwillig aufzusprengen könnte der Grund dafür sein.