| 10_06 | filmkalender | retrospektive | extras | images | webvideos | links | kontakt |
|
LOOK BOTH WAYS (R: Sarah Watts)
Im Land der heilsamen Regentropfen ´Never ever worry´ singt der Mann im heiteren Reggaesong im Abspann von Sarah Watts unausgegorenen LOOK BOTH WAYS. Mit dieser Abschluß-Message endet ein Film zum Thema Sterben über den man am liebsten gar nicht mehr nachdenken möchte. Und das ist jetzt nicht als Kompliment zu verstehen. An einem heißen Wochenende in der australischen Küstenstadt Adelaide passiert ein Unfall. Ein Zug überfährt einen jungen Mann. Er ist tot. Die Künstlerin Meryl Lee (Justine Clarke) kommt gerade von der Beerdigung ihres Vaters und wird Zeugin des Unglücks. Die junge Frau hat nicht nur hier den Tod vor Augen. Ihre ganze Existenz wird peplagt von Todesvisionen. In ihrem Kopf entsteht zu jeder realen Situation die sie gerade erlebt ein Todesgedanke. Ein Trickfilm läuft ab und sie stirbt darin. Einmal fällt ihr der Zug auf den Kopf, dann wird sie vom Hai durchgebissen. Als sie den krebskranken Journalisten Nick (William McInnes) kennenlernt rätselt sie bei der Verabschiedung ob er nicht ein Mörder und Vergewaltiger sein könnte. Auch Nick sieht nur noch Krankheit und Tod wenn er sich selbst oder andere Menschen betrachtet. Seine betrübliche Wahrnehmung wird im Film, möglicherweise weil er Fotograph ist, in Form von schockartig eingesetzter Montage von Fotographien formuliert. Weitere Figuren und deren innere und äußere Dramen werden an das Ereignis des Unfalls geknüpft. Da wären z.B. der Chef von Nick und dessen Familie, dann ein Kollege und dessen schwangere Freundin, der Fahrer des Unglückszuges und sein Sohn oder auch die Freundin des Verunglückten. Die Struktur ist bald offensichtlich und man ist nicht zufällig dazu verleitet Vergleiche mit Filmen von Alejandro G. Inarritu, Robert Altman oder Paul T. Anderson zu ziehen. Allein, deren Radikalität, Abstraktheit und Unversöhnlichkeit geht Watts Film völlig ab. Freilich ist man zuerst überrascht wenn die Regisseurin mit ungewöhnlichen Mitteln das konventionelle Filmbild durchbricht. Ein Thema des Filmes könnte durchaus das unreflektierte Denken in Bildern sein welches dem freien Gedanken und damit dem Leben im Wege steht. Die bunte Fotoflut von tödlichen Zellen, Blut und kranker Haut verfehlt ihre Wirkung nicht, weil man als Zuschauer bei der Filmbetrachtung keine Zeit findet dem etwas zu entgegenen. Das wären interessante Ansätze, die sich am Ende schlichtweg im Nirgendwo auflösen. Der Rest des Films ist eine bierernste Ansammlung von Klischees. Alles an der Erzählung bleibt viel zu wenig ambivalent, vor allem die Moral. Selbst der Blick durch die 16mm Kamera offenbart nichts was man nicht schon tausendmal in anderen Filmen gesehen hat. Kein geöffneter Raum wird jemals betreten. Darum regnet es am Ende auch Wasser anstelle von Kröten. Verstärkt wird der Eindruck eines hochgradig unstimmigen Werks durch den Soundtrack. Es gibt abschnittweise keinen Score. Nur etwa alle 15 Minuten setzt ein melancholischer Gitarrensound ein zu dem ein Sänger oder eine Sängerin angemessen leidet. Dazu unterstreichen die Darsteller im Bild in abwechselnder Reihenfolge ihre offensichtliche Lebensangst und Todessehnsucht. Diese schwächlichen Musikvideos dienen wohl als emotionale Verstärker für ein Kinopublikum, welches einer MTV geprägten TV-Kultur angehört. Sarah Watts war bisher für ihre kurzen Animationsfilme bekannt. LOOK BOTH WAYS ist ihr Spielfilmdebut. Der viel zu deutliche Ton des Filmes läßt für die Interpretation des Titels keinen Spielraum. Seine naive Bedeutung muß beim Wort genommen werden. Seltsamerweise hat Sarah Watts für dieses Werk in Australien bedeutende Filmpreise erhalten. Es werden also weitere Spielfilme von ihr folgen. Es bleibt jedem selbst überlassen sich darauf zu freuen oder sich davor zu fürchten. |