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NEIL YOUNG: HEART OF GOLD (R: Jonathan Demme)

Auf ein Bier in Nashville: Ein Musiker und ein Regisseur

Vor 30 Jahren kratzte Robert Altman mit seinem Katastrophenfilm (!) NASHVILLE an der glänzenden ´Gürtelschnalle des Bible Belts´. Doch der Nashville-Mythos blieb in seinem Kern unbezwingbar. Für NEIL YOUNG: HEART OF GOLD fanden sich nun 2 Männer zusammen um diesen Ort, mit seinem ewigen ´Spirit´ und seinen legendären Gebäuden und Musikern, nochmals vorsichtig zu zelebrieren. Neil Young, 1945 geboren, und Jonathan Demme, 1944 geboren, sind nicht nur nahezu gleich alt, auch der künstlerische Aufstieg der beiden fand fast zeitgleich statt. Vom Geist der Gegenkulturbewegung angetrieben absolvierte der frische Star Young 1971 einen Auftritt bei der Johnny Cash Show während Demme an seinem Drehbuch zu BLACK MAMA, WHITE MAMA für Roger Cormans Produktionsfirma schrieb. Neil Young erweiterte den progressiven Country-Folk-Rock und Demme wurde Mitgestalter eines demonstrativen und billigen Exploitation-Kinos.

HEART OF GOLD ist dreigeteilt. Auf dem Weg zum Ryman Auditorium sitzen die Musiker im Auto und sprechen einzeln in die Kamera. Sie erzählen aus ihrem Leben mit Neil Young. Danach folgt jener Teil des Konzerts der damals am 18. August 2005 die Weltpremiere von Youngs ´PRAIRIE WIND´ Album darstellte. Die Songs werden in der exakten Reihenfolge des Albums vorgestellt und die stimmungsbildenden, auch kitschigen Hintergrundbilder auf riesigen Leinwänden wechseln harmonisch. Den dritten Teil bilden dann Young-Klassiker, die vor sakralem, gleichbleibendem Hintergrund mit bunten Glasfenstern aufgeführt werden. Jeder der 19 Songs klingt im Schwarz aus und setzt aus dem Schwarz ein und wirkt daher in sich geschlossen. Es ist dies ein nostalgischer Akt. HEART OF GOLD macht die Bedeutung und Geschichte eines jeden einzelnen Songs sichtbar und ist damit im Geiste der Schallplatte näher als der CD. Es soll wirken ´(...) als sei es in den Fünfzigerjahren aufgenommen´ beschreibt Demme die Idee dahinter. Die für den Film entworfenen zeitlosen Kostüme sind eine weitere logische Konsequenz dieses Gedankens.

Der Regisseur ist ein Bewunderer von Young. In Jonathan Demmes Filmen markiert der eigene Musikgeschmack seit jeher ein zentrales Moment. Das Bild seines interessiert beobachteten Kamerablicks erfährt durch den persönlichen Song vorsichtige Interpretation, Relativierung oder Erweiterung. Und immer bedeutet es keine Weisung sondern eine Möglichkeit für das Publikum. Als Regisseur von Spiel- und Dokumentarfilmen bleibt Demme spannend weil er sich so oder so schlichtweg als Filmemacher versteht. Er öffent die Grenzen der verschiedenen Bereiche (Doku, Spielfilm) ganz natürlich und hat daher mehr Möglichkeiten. Seine beiden großartigen Konzertfilme, STOP MAKING SENSE aus dem Jahre 1984 und eben NEIL YOUNG: HEART OF GOLD, entsprechen wohl am ehesten diesem gewachsenen Wesen eines Dokumentar-Spielfilms.


Nicht zufällig ist die aus dem klassischen Spielfilm übernommene Dreiteilung von HEART OF GOLD jene Komponente die den gesamten Film dramaturgisch bindet und so im Fluß hält. Das versteckt eingearbeitete Erzählmuster verweist dabei am ehesten auf das Genre des Roadmovies. Zuerst werden die Hauptcharaktere vorgestellt und der Ort der Abreise (und Wiedergeburt) etabliert. Danach wird der Protagonist auf seinen weiten Weg geschickt, der ihn ins Innere führt. Im Schlußakt schließlich werden alle ungelösten Fragen und Probleme in der Erfüllung einer Legende aufgelöst bzw. um neue Hoffnung bereichert. Überlegte Variationen von Einstellungen, Lichtsetzung (z.B. Spotlight), Schnitten und Kameraarbeit begleiten dieses hinarbeiten auf dramaturgische Wendepunkte. Die Filmfigur Neil Young macht einige intentierte Wandlungen durch. Eine davon wäre jene vom Schicksal gebeutelten Menschen Neil Young hin zur göttergleichen Musiklegende Neil Young , der das Leben im Grunde nichts anhaben kann. Es ist kein Zufall, daß Youngs Gesicht von der Kamera zu Beginn oft nur seitlich in der Großaufnahme erfaßt wird. Die Texte handeln vom Tod, seinem eigenen und dem seines kürzlich verstorbenen Vaters, oder vom Leben seiner Tochter. Erst im Zuge des letzten Abschnitts, beim Vorspielen seiner ´Greatest Hits´, wird die Präsentation selbstbewußt und Young singt sehr oft frontal in die Kamera.

Demme spart sich neben der frontalen Großaufnahme ein weiteres Markenzeichen seiner immer noch unterschätzten mise-en-scene bis zum Finale auf, nämlich das Manövrieren durch den Raum mit einer Steadycam. ´Is there a guitar-player in the house?´ scherzt Young als er und etwa weitere 10 Bandmitglieder (an seiner Seite seine Frau Pegi) nebeneinander Stellung nehmen, allesamt mit akustischen Gitarren ausgestattet. Dieses Ereignis zum Schluß würdigt die Kamera in der Totalen. Kurz darauf durchbricht das harmonische Klangerlebnis die Grenze zur Transzendenz. Der geheiligte Raum scheint für den Filmbetrachter erreichbar und er wünscht Teil davon zu werden. Die bis dahin scheinbar unbewegliche Kamera gleitet plötzlich im Einverständnis mit der Musik an den Musikern vorbei. Das Ziel ist erreicht. Das Kinopublikum ist zusammen mit Young und Demme in Nashville angekommen.

´It´s only dream (...) and it´s fading now (...)´ singt Neil Young wehmütig in einem seiner Songs. In der ersten Einstellung von HEART OF GOLD wird die moderene von Wolkenkratzern dominierte Skyline Nashvilles vorgestellt. Am Ende des Films scheint sich der Glaube an den Mythos durchzusetzen und damit an die kleinen Street-Stores und Budweiserbuden und eine Klangkultur zusammengebastelt aus Keyboards, Drums, akustischen Gitarren, Geigen/Fiddeln, Trompeten und Gospel-Chören. Das Herz bebt nochmals im Ryman Auditorium, dieser ehemaligen Kirche.

Und dann sitzt Young beim Abspann plötzlich einsam auf der Bühne und spielt ´THE OLD LAUGHING LADY´. Das Publikum und die Band ist schon heimgegangen. Das ist eine überlegte Zugabe. Sanft kommt aufkeimender Zynismus zu seinem Recht. Nach dem Traum von Hoffnung beenden die Künstler Young und Demme das Konzert als jene Realisten die sie eben sind. Eine wahrscheinlich richtiges, auch trauriges Finale für diesen wunderschönen Film.