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MOSTRA 2006 Jede Menge Beschwerden, Fragen, keine Antworten: "Überhaupt zeigte das 63. Filmfestival von Venedig wieder einmal auf, dass die innovativeren Beiträge zum Weltkino derzeit aus Asien und Afrika und nicht aus Europa oder den USA kommen." behauptete D. Kamalzadeh im Standard kürzlich. Ich lese seine Beiträge grundsätzlich sehr gern aber muss diesmal schon die Frage stellen: Wie kommt er zu diesem Schluss? Woran kann man das festmachen? Eine zufriedenstellende Antwort finde ich im Rest seiner Argumentation freilich nicht. Auch seinen Gedanken, dass die Jury mit ihren Auszeichnungen Mut bewiesen habe, kann ich nur schwer nachvollziehen. Resnais, Mahamat Saleh Haroun, Straub & Huillet, ...: Sehen so nicht viel eher die typischen Filmfestivalgewinner aus? Ich werde jetzt kindischer und zickiger (man möge es mir verzeihen): Der langsame "Message- und Bildungskunstfilm" mit seinen langen Einstellungen als Gewinner ist eine Überraschung? Seit wann? So sieht es die meinungsbildende Kritikerelite allgemein und findet aus einem seltsamen Reflex heraus auszeichnungswürdige Qualitäten wie so oft nur im "besonders wertvollen" Film der anscheinend wichtiger ist als der Rest weil er nicht unterhalten will, Bildung bietet und mit seiner künstlerischen Form dem Inhalt stets zur Seite steht. Ist das so? Man sollte dem nicht ohne weiteres zustimmen. EJFORIJA/EUPHORIA z.B. hat - Gott sei Dank - nichts gewonnen, ist aber einer jener üblen Beiträge die ihre verharrenden Ausschnitte unter Zwang berechnen als ginge es darum eine Mathematik-Diplomarbeit einzureichen, und so fühlt sich das dann auch an. Der Inhalt soll drinnen sein, doch der steht in Wahrheit irgendwo daneben und fällt schließlich gänzlich weg. Und die Bilder, die hatten was von Bergmans PERSONA und Tarkovskys STALKER. Muss allein schon deswegen jedes Kritikerherz höher schlagen? In der ORF Zusammenfassung zur Preisverleihung vergaß man leider zu erwähnen wieviel aufregende und mutige Arbeiten innerhalb des abwechslungsreichen und spannenden Biennaleprogramms übergangen wurden und welchen eintönig akademischen Eindruck die Siegerparade macht. Und dann geht man etwas näher auf Mahamat Saleh Harouns DARATT/DRY SEASON ein, faßt zusammen und läßt in der Beschreibung - sofern ich mich nicht verhört habe - die falsche Person erblinden. Das wirft die Frage auf ob der Film wirklich angesehen wurde oder ob hier nicht aus kursierenden Pressetexten Meinung und Inhalt schlampig übernommen wurden!? DARATT ist ein sehr guter Film. Ich stimme zu. Glaubhaft wird so eine Behauptung allerdings erst dann wenn man das Ding auch wirklich geschaut hat. Im ORF Treffpunkt Kultur hebt man wiederum die heilsame Bedeutung der 9/11 Filme des Festivals hervor. Aber warum sollte man so unkritisch darüber berichten? Viel eher sollte man fragen was es dem einzelnen Film bringt. Wäre das faszinierend erzählte Spionagevehikel QUELQUES JOURS EN SEPTEMBRE nicht ein noch besserer Film geworden gebe es diese fett hervorgehobene und in der letzten Einstellung nochmals unnötig betonte 9/11-Verstrickung nicht. Und warum sollte man nicht darauf hinweisen was für eine furchtbar schlechte Projektion Stones WORLD TRADE CENTER abgibt. Warum sich überhaupt weiterhin über eine Sendung wundern die ernsthaft so tut als wäre Kenneth Branaghs THE MAGIC FLUTE einer der Höhepunkte in Venedig gewesen. Freilich gibt´s auch hier kein Wort zu Lynchs unfassbaren neuen Wegen die er beschreitet um weiter ins Reich des Unterbewußten, ins Reich der Träume vorzudringen. Ohne Script und ohne Film macht er sich auf die Suche nach neuen Bildern und Verknüpfungen. Es sind übrigens nicht wir die in das Lynch-Universum schauen. So einfach ist das nicht. Es ist Lynch der in uns hineinschaut, in die Wurzel allen Übels. War es nicht Fassbinder der meinte, dass wir Menschen mit unseren manipulierten Träumen alle am Arsch sind? Also: Warum wird unleugbar innovatives westliches Kino heute gerne von der eigenen Kritik verkannt oder ausgelacht? Irgendwo war es eine absehbare Entwicklung, wird doch schon seit Monaten überall darüber geschrieben, dass das bessere Kino heutzutage im Fernsehen stattfindet. Etwas verspätet raunzt man plötzlich über das Verschwinden des Genrekinos und verfällt mitleidig den Funktionsmechanismen der HBO TV Serien. Unter solchen Umständen wird es klarerweise schwerer für westliche (vor allem US-)Filmemacher wenn sie sich einfach nicht mehr in den Rahmen des Genrekinos zurück bewegen wollen. Ich habe diese gelungenen Filmfestspiele schon vor der Preisverleihung abgeschlossen. Nichts das mich begeistern konnte hatte da am Ende auch nur die geringste Chance. Es braucht nur eine Jury mit einer verbissen wirkenden Chefin als support für den erwachsenen (!) Kunst-Film und eine verschworene Kritikergemeinde die jede unbändige Vision zur Sicherheit gleich vorweg in den frisch konstruierten "Egotrip-Eimer" kippt (Auch hier geht Seltsames vor!) und schon sind ein neuer Verhoeven als verspielter Seifenopern-Kinderkram und ein neuer Aronofsky als saudumme Eso-Scheiße durchgefallen. Aber keine Angst, man kann beide Filme auch ganz einfach völlig anders wahrnehmen. Mir ists ja auch passiert. Filme und ein paar Gedanken: .THE BLACK DHALIA: Nein, das war nichts! Mein größtes Problem: Ich fand Scarlett Johansson in ihrer undefinierten Rolle der Kay Lake völlig daneben. Ob als kühle Blonde oder zerbrechliches Opfer, am Ende bleiben übel nachinszenierte Posen aus einem klassischen Filmstills-Katalog. Ansonsten war das De Palma "at his most boring" mit immerhin zwei, drei Showeinlagen zum niederknien. .INFAMOUS: Ich verstehe es nicht und kenne den Hintergrund nicht, aber sollte es eine klärende Info geben wäre ich sehr dankbar. Wieso noch dieser Film nach dem wunderbaren CAPOTE. Wer braucht dieselbe Geschichte auch mal schlecht erzählt? Dann bitte sehr ... (Jesus, war die Sandra Bullock mies. Egal, habe mir dennoch ein Autogramm geholt.) |
.ZWARTBOEK: Was ich zuvor sagen wollte: Ich bin vom wild und ausufernd erzählten ZWARTBEOK total angetan. Möglicherweise bewegt sich das Gesprochene und Getane tatsächlich auf Seifenopernniveau (was auch immer das genau bedeuten mag). Doch die Kontraste, die Möglichkeiten, die Widersprüche und die Provokation die ein so scheinbar (!) unbekümmertes, unverkrampftes "Entertainment"kino innerhalb dieser Thematik (bitte diese auf imdb.com nachlesen) zulässt empfinde ich als Segen. .PAPRIKA: Sehr gut! (Ich werde kürzer.) .WORLD TRADE CENTER: Eigentlich ging es mir um THE BANQUET mit Ziyi Zhang aber da Stones neuer im Kartenpreis inkludiert war wollte ich natürlich hin. Ich war vorbereitet und es war ungefähr so schlimm wie erwartet. Mühsamer 9/11 Survivor-Melo-Kitsch. Eigentlich so nicht mehr akzeptabel, weil im hier und heute einfach unpassend. Bert Rebhandl betont übrigens die therapeutische Funktion dieses Filmes für die USA. Wäre dieses Werk vor 4,5 Jahren passiert hätte ich diesem Gedanken vielleicht folgen können und noch ein Auge zugedrückt. Naja, oder auch nicht ... Ich überlege gerade wo Stone diesmal seine Momente hatte und mir fällt nichts ein. .THE BANQUET: Es war der 3. Sept. ganz einfach ein misslungener Filmabend. Nach Rosamunde Pilchers Besuch im zusammengesackten World Trade Center gabs Feng Xiaogangs arg farblos gefilmtes chinesisches Schwert- und Königstrauerspiel mit Hamletanleihen. Selbst die Schaukämpfe bleiben ernst und witzlos und ohne jeglichen Mehrwert in dieser mühsamen Perfektion gefangen. Ein Besuch bei einer LORD OF THE DANCE-Aufführung kann nicht schlimmer sein. .TALES FROM EARTHSEA (oder was auch immer): Achtung, Goro Miyazaki ist unterwegs. Werft mir später nicht vor ich hätte euch nicht gewarnt! Das gefährliche daran: Sieht phasenweise aus wie von Vaters Hand. Aber alles andere ... Wie viele Kinder hat Meister Hayao noch? .THE FOUNTAIN: Wie hole ich den wieder raus aus dem Eimer? Ich warte mal ab. Wird denk ich spannend. Ich hoffe darauf, dass sich früher oder später abseits von den sich gegenseitig auf die Schenkel klopfenden Meinungsmachern etwas tut. Im riesigen PalaBiennale (also nicht bei der Pressevorführung) ging nach THE FOUNTAIN und seinem exzessiv und waghalsig koordinierten Höhepunkt zum Schluß ein Raunen und Toben durch das Publikum wie ich es noch nicht erlebt habe. Von mir (und nicht nur mir) gabs jede Menge Applaus und später in der Nacht wurde diskutiert. .FALLEN von Barbara Albert war nicht ganz glücklich angesetzt ... so nach THE FOUNTAIN. .Der aufwühlende CHILDREN OF MEN hat eine unglaublich gefilmte Sequenz. Ich denke die wird von niemandem unbemerkt bleiben. Ist schon spannend wie Actionsequenzen mit spontan anmutender Wackelkamera dem Zuschauer immer mehr auf den Leib rücken. .INLAND EMPIRE: Habe ich gezittert. Der Tag mußte kommen. Der Tag an dem ich hier nicht sehen durfte was ich unbedingt sehen wollte. Die erste Projektion von Lynchs neuem Meisterwerk für zahlendes Publikum (meine Klasse) und Presse war ein Scherz, das Anstellen und Warten umsonst, denn es gab schon zuvor keine Tickets mehr. Aber das war bald alles vergeben und vergessen. David Lynch gab ein Autogrammstündchen ("I sign everything!") in der freien Wildbahn und 2 Tage später wurde eine Vorführung fürs Publikum freigegeben und die Einladungen dazu verschenkt. How nice! Ich erinnere mich: Nach dem allgemein unterschätzten TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME kamen LOST HIGHWAY und THE STRAIGHT STORY. Ich mochte beide nicht sonderlich, war enttäuscht und hatte die seltsame Idee, dass man einen Regisseur wie Lynch eben nur für eine begrenzte Dauer aushält ... sozusagen. Alles was nun kommen sollte würde mir demnach nichts mehr bedeuten, mir emotional am Arsch vorbei gehen. Naja, was man sich eben für Gedanken macht. Es kam freilich anders. MULHOLLAND DRIVE war dann für mich eine Zeit lang der beste Lynch überhaupt (und damit einer der besten Filme) und mit INLAND EMPIRE wird´s wohl nicht anders sein. Ich bin schwerst beeindruckt! "I like to think that it"s possible to become part of a space that is a film space, even for just a single moment, and even if all of the rest of the film is necessary just to make that happen. ..." meinte (und meint?) Lynch einst und ich denke genau diese Momente habe ich in LOST HIGHWAY immer vermisst, daher mein Zwang diesen Film zu enträtseln, was dem Werk bei mir nichts gebracht hat. Niemals würde mir einfallen MULHOLLAND DRIVE und noch weniger INLAND EMPIRE in einer Klarheit verschaffenden Inhaltsangabe zusammenzufassen. Nicht weil das total unmöglich (?) ist sondern weil es hier nichts ändert, weil nichts davon abhängt und weil ich glaube, dass es dem Konzept und der Wirkung dieser Filme entgegenarbeitet. Es gibt übrigens mehrere Gründe weshalb ich INLAND EMPIRE hier so oft zusammen mit MULHOLLAND DRIVE erwähne und zumindest ein direkter Link befindet sich im neuen Film. Die 172Min. INLAND EMPIRE sind übrigens digital gefilmt. Eine weise Entscheidung. Doch dazu später einmal .... The TOP 3 are: Goldene Innereien für den ärgsten aller Horrorfilme: INLAND EMPIRE Silberne Airbags fürs "nicht innehalten": ZWARTBOEK Bronzene Daumenhalter für: THE FOUNTAIN |