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Von der Einsamkeit und Sprengkraft des Zumachens "I wish I have stoped you, to touch you, smell you. To keep you exactly in my mind." spricht Natalia in die Enge ihres privaten digitalen Kaders. Hier ist der Bereich wo sich die Figuren aus den polnischen Kurzfilmen von Curtis Burz zurückgezogen haben. Es ist ein scheinbar aktionsloser und kommunikationstechnisch unbrauchbarer Raum der nur zirkulierende Selbstanalyse zuläßt. Es ist der zugespitzte, der letztmögliche Raum einer Existenz und es ist daher auch ein Raum der Hoffnung, weil es das Ende einer Entwicklung darstellt und von hier keine Verkleinerung mehr möglich ist. Die gefühlvolle Kameraführung versteht sich auf diesen geheimen Ort und isoliert die Figuren von jeder Umwelt indem sie sie in vorsichtig bewegte Nahaufnahmen packt. Hier im letzten Zufluchtsort sind diese Menschen noch anwesend und können berichten. Die 4 polnischen Kurzfilme wurden in der Landessprache gedreht von einem Regisseur aus Berlin der die Sprache selbst nicht spricht. Zusammen mit seinen Schauspielern hat Burz die Figuren entwickelt und mit seinen Kameraleuten Adam Szklarek, Aleksander Duraj, Michai Pakulski und Adam Kotecki hat er sie erstmal eingesperrt. Die Filme tragen die sprechenden Namen Endearments, Damages, Brothers and Saturday und formen zusammen einen sich mental vernetzenden Episodenfilm der sich gegenüber der materiellen u. kulturellen globalen Vernetzung als Antithese positioniert. Wir kommen uns so keinen Schritt näher. Auch in Durchgangsräumen bzw. Nichträumen wie Gängen, U-Bahnen, Kirchen findet keine flüchtige Begegnung mehr statt. Die Realität ist einsamer als je zuvor. Verknüpft sind die Episoden durch Sprachlosigkeit bzw. das Fehlen eines realen Zuhörers. Gekennzeichnet und verbunden sind die Figuren durch ihr Fluchtverhalten, ihre Einsamkeit, ihre Herkunft und Prägung in einem katholischen Polen und Ereignissen in der Vergangenheit die sie nicht bewältigen können. Und über all dem schwebt der Mythos des katholischen Familienbildes der sich nicht erfüllt und so tiefe Wunden hinterläßt. Das Bild eines Familientisches der keiner mehr ist spricht von diesem anscheinend unmöglichen Versprechen. Nur der nicht vorhandene Zuhörer wird Zeuge der Sehnsüchte und Dramen. Doch wer sind die nicht vorhandenen Zuhörer? Die junge Ewa spricht in ihrem einsamen Monolog in ENDEARMENTS über ihren Vater, der sie missbraucht hat. Sie sehnt sich nach einer Zärtlichkeit und Liebe die sie bisher nicht kennen gelernt hat. Mutter Kamila sitzt allein in ihrer Küche in BROTHERS. Ihre Kinder sind nicht da. Oder sie bemerkt sie nicht mehr. "Nobody would come back, look at this stupid kitchen." sagt sie zu ihrem Sohn Pawel als ob er nicht anwesend bzw. zurückgekommen wäre. In SATURDAY sieht der junge Tomek eine Projektion seines älteren Liebhabers Piotr, in der sich dieser von ihm verabschiedet. Auch hier bleibt jeder für sich. Und in DAMAGES erzählt der Laborbiologe Marek in einer Polizeistation von der an ihm verübten Vergewaltigung. Aber es ist kein reales Gegenüber, kein Polizist auszumachen der wirklich zuhört oder versteht. Wo Kommunikation bzw. Dialog nicht funktioniert wird in logischer Konsequenz auch das filmische Mittel des Schuß/Gegenschuß obsolet. Die Monologe (als Gedanken oder Gesprochenes) durchdringen mit Hilfe des Schnitts die verschiedenen privaten Kader, verbinden und verdoppeln die einzelnen Schicksale. Als Natalia in der Badewanne sitzend über das Aids Virus spricht und wie es sich verbreitet legt sich diese Bedrohung über alle Figuren. Aber mit dieser filmischen Expansion der Dramen der einzelnen Figuren passiert auch gleichzeitig die Öffnung der engen privaten Kader. Es gibt doch Zuhörer. Man ist nicht allein. Die Figuren finden Zugang in die mentalen Welten ihrer Leidensgenossen. Werden gleichsam Zeuge derer Schicksale. Es gibt einen Weg hinaus, aber der Raum in dem man sich begegnet ist noch nicht der herkömmliche. Und schließlich passiert es doch und die Hoffnung einer neuen Annäherung mit dem Mitmenschen stirbt nicht gänzlich. Mutter Kamila öffnet die Türe und ihre Tochter Anna tritt ein. Anna ist gekommen und sie wird bleiben. Der Briefträger Filip wartet auf der Straße mit einem Strauß Blumen auf seine Freundin Ewa. Es sind stumme Momente in denen kein Wort gesprochen wird. Und darin offenbart sich dann eine unerwartete Stärke dieser wunderbaren Kurzfilme: nämlich in der Art und Weise wie hier mit herkömmlichen Kommunikationsvorstellungen gebrochen wird, dabei nach neuen Wegen gesucht wird und so von einem Zustand und einer Zeit berichtet wird, wo Sprache und Wort immer mehr dazu benutzt werden sich nicht zu verstehen. Es ist im Rahmen dieses GegenSteuerungsModels somit stimmig, daß der Regisseur Curtis Burz die Sprache seiner Schauspieler nicht beherrscht und ihnen in der Zusammenarbeit ein besonderes Vertrauen entgegen bringen mußte. Das Ergebnis dieses Experiments ist ein unglaublich stabiles. Nie kommt der Eindruck von Unsicherheit auf, alle Schauspieler agieren und formen die Monologe ihrer Figuren für ein Werk. Besonders erwähnenswert erscheinen mir die Leistungen von Tomasz Cymerman als Marek, Urszula Grabowska als Natalia und Katarzyna Bieniek als Ewa. Aber es scheint nicht angebracht hier einzelne Darsteller herauszugreifen. Viel zu offensichtlich ist das ganze die Leistung eines Teams, welches über die Stolpersteine der Sprache und Finanzierbarkeit hinweg ein Projekt auf die Beine gestellt hat das seine Zuschauer mehr als verdient hätte. |